Glas, eine Gefahr für Vögel

Neues Glas rettet Vögel vor dem Tod

Jahrelang haben Entwickler der Bützberger Firma Glas Trösch und der Vogelwarte Sempach an einem neuen Glastyp gearbeitet. Jetzt ist er marktreif: Das Glas kann Tausende Vögel vor dem Tod bewahren.

Die Zahl klingt brutal: Pro Jahr sterben in der Schweiz Hunderttausende Vögel, weil sie im Flug mit Glasscheiben kollidieren, die sie nicht sehen.

Laut der Schweizerischen Vogelwarte in Sempach LU ist der «Tod an Scheiben» eines der grössten Vogelschutzprobleme hierzulande. Oft sind etwa Spechte betroffen, weil sie zwar schnell fliegen, aber nicht besonders wendig sind.

Das hat Roman Graf damals im Jahr 2003 nicht gewusst. Der Leiter Entwicklung und Verarbeitung der Bützberger Firma Glas Trösch suchte mit seinem Team nach einer Möglichkeit, Glas zu markieren. Eine Art Stempel sollte zeigen, dass ein bestimmter Test durchgeführt wurde. Die Entwickler pröbelten auch mit UV-Licht, einer für Menschen unsichtbaren Strahlung.

Acht Jahre später in der Vogelwarte Sempach: Ingenieur Graf sitzt am Tisch eines Konferenzzimmers. Mit dabei ist Ornithologe Hans Schmid von der Vogelwarte. Der Grund für das Treffen: die neuen Trösch-Gläser der Linie «Birdprotect», die seit kurzem auf dem Markt sind. Entwickelt wurden die Gläser vom Team um Ingenieur Graf und der Vogelwarte. Die Gläser verhindern, dass die Tiere in die Scheiben fliegen und sterben. Bis zu sage und schreibe 90 Prozent weniger Kollisionen verzeichnete die Vogelwarte bei Tests. «Eine Win-win-Situation», sagt Graf. Das Interesse dürfte riesig sein, Anfragen aus den USA liegen vor. Auch Schmid ist glücklich: «Für uns zählt nur der Schutz der Vögel. Verdienen wollen wir nicht.»

Die Ingenieure von Glas Trösch hatten 2003 «etwas Spannendes entdeckt», sagt Graf. Sie fanden heraus, dass speziell verarbeitetes Glas UV-Strahlen fast vollständig schlucken kann.

Ein Entwickler aus dem Team machte die Verbindung ins Tierreich. Er wusste, dass manche Vögel UV-Licht sehen können. Sie verfügen im Gegensatz zu den Menschen über vier und nicht nur drei Farbkanäle. So sehen einige Vögel den Urin der Mäuse vermutlich fluoreszierend. Und eine reife Zwetschge sieht für die Tiere wegen ihrer Oberfläche, die UV-Licht reflektiert, anders aus als eine unreife.

Als 2004 ein Kontakt aus Bützberg hergestellt wurde, bissen die Experten bei der Vogelwarte sofort an. Es war zwar schon möglich, Glas zu markieren, sodass die Vögel nicht kollidierten. Aber für das oft genutzte Sonnenschutzglas, das zur Verbesserung des Raumklimas stark spiegelt, gab es keine Lösung. «Das war ein Problem», sagt Schmid. Denn Vögel fliegen nicht nur in Fenster, wenn sie zum Beispiel den Strauch dahinter anpeilen. Sie können auch in Scheiben prallen, wenn sie die sich spiegelnde Landschaft anfliegen wollen.

Der Zusammenarbeit der Vogelwarte und des Oberaargauer Industriebetriebs stand nichts mehr im Weg. Die Ingenieure von Glas Trösch lieferten die manipulierten Gläser, die Vogelwarte testete die Scheiben und schickte die Auswertung zurück nach Bützberg. «Es war wie ein Ping-pong», sagt Ingenieur Graf. Die Versuche der Vogelwarte fanden im Feld oder in Flugkanälen statt, und zwar mit eingefangenen Vögeln. Tiere kamen keine zu Schaden. Dafür sorgten kaum sichtbare Netze vor den Scheiben, die die Vögel sanft bremsten.

Als feststand, welche Systeme brauchbar sind, folgte der letzte Härtetest

Für den Bau der Sporthalle Kottenmatte in Sursee LU verwendete der Architekt die neuen Schutzgläser. Diese wurden im Wechsel mit konventionellen Fenstern eingesetzt. Das Resultat war für die Vogelwarte laut Schmid «sehr gut». In anderthalb Jahren verzeichnete der Ornithologe 38 Vogelkollisionen auf den Fenstern. Wobei nur gerade 4-mal das neue Schutzglas betroffen war.

Durchgesetzt haben sich drei Prinzipien: eine Reduktion der Spiegelung, ein markantes Muster im oder auf dem Glas sowie eine feine, eingebrannte Struktur, die die Spiegelung bricht. Dass es bei einer reduzierten Spiegelung und einem markanten Muster weniger Kollisionen gibt, klingt logisch. Das dritte System ist komplizierter, Ingenieur Graf erklärt es so: Es sei anzunehmen, dass die Struktur im Glas das Spiegelbild für den Vogel verzerrt erscheinen lasse. Vermutlich hängt das mit dem zusätzlichen UV-Kanal zusammen.

Allerdings kann selbst Ornithologe Schmid dies nicht mit letzter Gewissheit beantworten. Das Gespann Glas Trösch/Vogelwarte will denn vorerst auch weiterforschen. «Wir wissen noch nicht alles», sagt Schmid. Aber das sei auch nicht entscheidend. «Wichtig ist, dass es funktioniert.»

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